Wirtschaft & Gemeinwohl · Bewertungsraster
Gemeinwohl-Ökonomie: die Bilanz neben der Bilanz
Die Gemeinwohl-Bilanz bewertet ein Unternehmen in 20 Themen — 4 Werte mal 5 Berührungsgruppen. Höchstens 1.000 Punkte sind erreichbar; für schädigende Praktiken sind Abzüge bis -3.600 Punkte vorgesehen. Sie ersetzt die Finanzbilanz nicht, sondern stellt eine zweite Frage daneben: Was hat das Unternehmen für alle anderen getan?
Verdienen lassen sich 1.000 Punkte, verlieren mehr als das Dreifache. Das ist Absicht: Vorbildliches Verhalten in einem Bereich soll grobe Schäden in einem anderen nicht aufwiegen können.
Wem das Unternehmen dabei gehört →4 Werte mal 5 Berührungsgruppen ergeben 20 Themen
Die Zeilen sind die Gruppen, mit denen ein Unternehmen zu tun hat; die Spalten sind die Werte, an denen es gemessen wird. Jede Kreuzung ist ein Thema, zu dem berichtet und bewertet wird — die Struktur allein sagt schon, worum es geht: Ein Unternehmen hat nicht nur Eigentümer, und es wird nicht nur an Geld gemessen.
Tabelle horizontal verschieben, um alle Spalten zu sehen.
| Berührungsgruppe | MenschenwürdeWert 1 | Solidarität und GerechtigkeitWert 2 | Ökologische NachhaltigkeitWert 3 | Transparenz und MitentscheidungWert 4 |
|---|---|---|---|---|
| Lieferantinnen und Lieferanten | A1 · Menschenwürde bei Zulieferern | A2 · Faire Lieferbeziehungen | A3 · Ökologie in der Lieferkette | A4 · Transparenz der Lieferkette |
| Eigentümerinnen, Eigentümer und Finanzpartner | B1 · Ethischer Umgang mit Geld | B2 · Soziale Mittelverwendung | B3 · Sozial-ökologische Investitionen | B4 · Eigentum und Mitentscheidung |
| Mitarbeitende | C1 · Menschenwürde am Arbeitsplatz | C2 · Arbeitsverträge | C3 · Ökologisches Verhalten | C4 · Mitentscheidung im Betrieb |
| Kundinnen, Kunden und Mitunternehmen | D1 · Ethische Kundenbeziehungen | D2 · Kooperation statt Verdrängung | D3 · Nutzung und Entsorgung | D4 · Kundenmitwirkung |
| Gesellschaftliches Umfeld | E1 · Sinn der Leistungen | E2 · Beitrag zum Gemeinwesen | E3 · Ökologische Auswirkungen | E4 · Gesellschaftliche Mitentscheidung |
| Thema | Vollständiger Titel in der Matrix | In der Matrix gekürzt auf |
|---|---|---|
| A1 | Menschenwürde in der Zulieferkette | Menschenwürde bei Zulieferern |
| A2 | Solidarität und Gerechtigkeit in der Zulieferkette | Faire Lieferbeziehungen |
| A3 | Ökologische Nachhaltigkeit in der Zulieferkette | Ökologie in der Lieferkette |
| A4 | Transparenz und Mitentscheidung in der Zulieferkette | Transparenz der Lieferkette |
| B1 | Ethische Haltung im Umgang mit Geldmitteln | Ethischer Umgang mit Geld |
| B2 | Soziale Haltung im Umgang mit Geldmitteln | Soziale Mittelverwendung |
| B3 | Sozial-ökologische Investitionen und Mittelverwendung | Sozial-ökologische Investitionen |
| B4 | Eigentum und Mitentscheidung | Eigentum und Mitentscheidung |
| C1 | Menschenwürde am Arbeitsplatz | Menschenwürde am Arbeitsplatz |
| C2 | Ausgestaltung der Arbeitsverträge | Arbeitsverträge |
| C3 | Förderung des ökologischen Verhaltens der Mitarbeitenden | Ökologisches Verhalten |
| C4 | Innerbetriebliche Mitentscheidung und Transparenz | Mitentscheidung im Betrieb |
| D1 | Ethische Kundenbeziehungen | Ethische Kundenbeziehungen |
| D2 | Kooperation und Solidarität mit Mitunternehmen | Kooperation statt Verdrängung |
| D3 | Ökologische Auswirkung durch Nutzung und Entsorgung | Nutzung und Entsorgung |
| D4 | Kundenmitwirkung und Produkttransparenz | Kundenmitwirkung |
| E1 | Sinn und gesellschaftliche Wirkung der Leistungen | Sinn der Leistungen |
| E2 | Beitrag zum Gemeinwesen | Beitrag zum Gemeinwesen |
| E3 | Reduktion ökologischer Auswirkungen | Ökologische Auswirkungen |
| E4 | Transparenz und gesellschaftliche Mitentscheidung | Gesellschaftliche Mitentscheidung |
⚠ Die Fassung 5.1 gilt seit Februar 2025; Bilanzen nach Fassung 5.0 bleiben übergangsweise möglich, wenn der Berichtszeitraum das Geschäftsjahr 2025 umfasst. Die Titel folgen der veröffentlichten Matrix 5.0; Wortlaute einzelner Themen können sich zwischen den Fassungen unterscheiden, die Struktur aus 4 Werten und 5 Berührungsgruppen nicht.
1.000 Punkte kann man verdienen, 3.600 verlieren
Beide Balken zeigen Beträge auf derselben Skala — der zweite ist ein Abzug, kein Guthaben. Diese Asymmetrie ist die eigentliche Konstruktionsentscheidung der Bilanz: Wer eine Zulieferkette mit Zwangsarbeit hat, kann das nicht durch eine gute Fahrradstellplatz-Quote ausgleichen.
⚠ Die Minuspunkte sind Abzüge und keine erreichbare Leistung — der Balken zeigt ihren Betrag, damit beide Enden auf einer Skala vergleichbar sind. Eine Gesamtpunktzahl rechnet Bereiche gegeneinander auf: Zwei Unternehmen mit derselben Zahl können sich völlig unterschiedlich verhalten.
Vier Schritte — und der letzte ist der, auf den es ankommt
Die Bewegung nennt weltweit über 1.000 Unternehmen, die eine Gemeinwohl-Bilanz erstellt haben. Das ist eine Selbstauskunft ohne genannten Stichtag und ohne öffentliches Register — sie steht hier deshalb als Größenordnung und nicht als Statistik.
| Schritt | Was dabei passiert |
|---|---|
| Bericht | Das Unternehmen beschreibt zu jedem der 20 Themen, was es tut — als Kompakt- oder als Vollbilanz, nach demselben Arbeitsbuch. |
| Bewertung | Je Thema werden Punkte vergeben; Negativkriterien ziehen ab. In der Summe sind höchstens 1.000 Punkte erreichbar. |
| Testat | Auditorinnen und Auditoren der Bewegung prüfen den Bericht und bestätigen die Punktzahl. Es ist keine Prüfung nach Handelsrecht und kein staatlich anerkanntes Siegel. |
| Veröffentlichung | Bericht und Punktzahl werden veröffentlicht. Genau das ist der Zweck: eine Zahl, über die man streiten kann, statt einer Selbstbeschreibung, über die man es nicht kann. |
Der Unterschied zum üblichen Nachhaltigkeitsbericht liegt nicht in der Punktzahl, sondern in der Vergleichbarkeit: Alle beantworten dieselben 20 Fragen. Der Preis dafür ist ebenso deutlich — geprüft wird von Auditorinnen und Auditoren der Bewegung selbst, nicht von einer staatlich beaufsichtigten Stelle.
⚠ Die Bilanz ist freiwillig und kein staatlich anerkanntes Siegel; sie ist mit einer Abschlussprüfung nach Handelsrecht nicht vergleichbar.
Mitarbeiterfreundliche Unternehmen schlugen den Markt um 3,5 % im Jahr
Der bekannteste Versuch, die Frage empirisch zu beantworten, stammt von Alex Edmans: Er bildete aus der Fortune-Liste „100 Best Companies to Work For in America“ ein Portfolio und maß dessen Rendite gegen die üblichen Risikofaktoren, 1984 bis 2009. Das Ergebnis widerspricht der Annahme, das Auspressen der Belegschaft maximiere den Gewinn — beweist aber keine Ursache.
| Befund | Wert | Was das heißt |
|---|---|---|
| Überrendite gegenüber dem Gesamtmarkt | 3,5 % | Vier-Faktoren-Alpha je Jahr — die Rendite, die übrig bleibt, nachdem Marktrisiko, Größe, Bewertung und Momentum herausgerechnet sind. |
| Überrendite gegenüber Branchen-Benchmarks | 2,1 % | Der Vorsprung schrumpft, wenn man nur mit derselben Branche vergleicht — bleibt aber positiv. |
| Wo der Effekt am größten ist | — | In flexiblen Arbeitsmärkten wie den USA und Großbritannien. In stark regulierten Märkten wie dem deutschen fällt der zusätzliche Vorteil kleiner aus, weil vieles hier ohnehin gesetzlich gilt. |
Die Grenze gehört zum Befund: Das ist eine Beobachtung an einer selbstgewählten Liste börsennotierter US-Unternehmen, kein Experiment. Zufriedenheit und Erfolg können sich gegenseitig verursachen — erfolgreiche Unternehmen können sich gute Arbeitsbedingungen eher leisten. Belegt ist damit die Richtung, nicht die Ursache.
⚠ Aktienrenditen börsennotierter US-Unternehmen, keine Gewinne mittelständischer Betriebe. Ein Vier-Faktoren-Alpha ist eine Modellgröße und hängt davon ab, welche Faktoren man abzieht.
„Eigentum verpflichtet“ steht im Grundgesetz — aber nicht als Pflicht für ein Unternehmen
Die Gemeinwohl-Ökonomie beruft sich auf zwei Verfassungssätze. Beide gibt es wirklich, und beide sagen weniger, als ihr Wortlaut vermuten lässt. Genau deshalb stehen sie hier mit ihrer Reichweite daneben.
| Norm | Wortlaut | Wie weit sie reicht |
|---|---|---|
| Art. 14 Abs. 2 GG | „Eigentum verpflichtet. Sein Gebrauch soll zugleich dem Wohle der Allgemeinheit dienen.“ | Bundesweit — aber als Auftrag an den Gesetzgeber, Eigentum auszugestalten, nicht als unmittelbare Pflicht eines einzelnen Unternehmens. |
| Art. 151 Abs. 1 BayVerf | „Die gesamte wirtschaftliche Tätigkeit dient dem Gemeinwohl.“ | Bindet bayerisches Landesrecht, nicht das Bundesrecht und keine Unternehmensentscheidung. |
Art. 14 Abs. 2 GG ist nach ständiger Rechtsprechung ein Auftrag an den Gesetzgeber, Eigentum inhaltlich auszugestalten — die Grundlage dafür, dass Bindungen überhaupt zulässig sind. Genau darauf stützt sich auch die Debatte um Unternehmen mit gebundenem Vermögen. Ein Anspruch darauf, dass irgendwer eine Gemeinwohl-Bilanz erstellt, folgt daraus nicht.
⚠ Eine Einordnung, keine Rechtsberatung. Die Bayerische Verfassung bindet Landesrecht und keine Unternehmensentscheidung.
Die Gemeinwohl-Bilanz einordnen
Die Seite zeigt den Aufbau des Bewertungsrasters — vier Werte, fünf Berührungsgruppen, zwanzig Themen —, seine Punkteskala und den Ablauf von Bericht über Bewertung und Testat bis zur Veröffentlichung. Dazu die zwei Verfassungssätze, auf die sich die Idee beruft, und den bekanntesten empirischen Befund zur Gegenfrage: ob sich Rücksicht auf die Belegschaft rechnet.
Die Punktzahl ist kein Messwert wie eine Temperatur, sondern eine Bewertung nach einem offengelegten Raster: Sie sagt, wie gut ein Unternehmen die Fragen dieser Matrix beantwortet — und rechnet dabei Bereiche gegeneinander auf. Zwei Unternehmen mit derselben Punktzahl können sich völlig unterschiedlich verhalten. Der Wert liegt in der Nachvollziehbarkeit: Es steht offen da, was gefragt wurde und wie es bewertet wurde, und darüber lässt sich streiten. Bei einer Selbstbeschreibung im Nachhaltigkeitsbericht lässt es sich nicht.
Die Bilanz ist freiwillig, das Testat kommt von Auditorinnen und Auditoren der Bewegung selbst — sie ist kein staatlich anerkanntes Siegel und mit einer Prüfung nach Handelsrecht nicht vergleichbar. Die Zahl der bilanzierenden Unternehmen ist eine Selbstauskunft ohne genannten Stichtag und steht hier deshalb als Größenordnung. Und der Verfassungssatz „Eigentum verpflichtet“ ist ein Auftrag an den Gesetzgeber, keine unmittelbare Pflicht eines Unternehmens: Aus ihm folgt kein Anspruch darauf, dass irgendwer eine Gemeinwohl-Bilanz erstellt.
Kurz beantwortet
Was ist die Gemeinwohl-Ökonomie?
Ein Vorschlag, den Erfolg eines Unternehmens nicht nur an seiner Finanzbilanz zu messen, sondern zusätzlich daran, was es für Beschäftigte, Lieferanten, Kundschaft, Umwelt und Gesellschaft tut. Das Werkzeug dafür ist die Gemeinwohl-Bilanz. Die weitergehende politische Idee ist, an gute Ergebnisse Vorteile zu knüpfen — günstigere Kredite, Vorrang bei öffentlichen Aufträgen; das ist bisher ein Vorschlag und nirgends geltendes Recht.
Wie viele Punkte kann ein Unternehmen erreichen?
Höchstens 1.000. Sie verteilen sich auf 20 Themen, die aus der Kreuzung von 4 Werten mit 5 Berührungsgruppen entstehen. Für Praktiken, die dem Gemeinwohl schaden, sind Abzüge vorgesehen: bis zu -3.600 Punkte. Die aktuelle Fassung der Matrix ist 5.1; Bilanzen nach Fassung 5.0 bleiben übergangsweise möglich.
Rechnet sich eine Philosophie, die den Menschen in den Mittelpunkt stellt?
Für einen Teil dieser Frage gibt es eine Messung. Alex Edmans hat die Aktienrendite eines Portfolios aus besonders mitarbeiterfreundlichen US-Unternehmen gegen die üblichen Risikofaktoren gemessen, 1984 bis 2009: Es schlug den Markt um 3,5 % im Jahr, gegenüber Branchen-Benchmarks um 2,1 %. Wichtig ist die Grenze dazu: Das ist eine Beobachtung an einer selbstgewählten Liste börsennotierter US-Unternehmen, kein Experiment. Die Richtung ist belegt, die Ursache nicht bewiesen — und in stark regulierten Arbeitsmärkten wie dem deutschen fällt der zusätzliche Vorteil kleiner aus, weil vieles hier ohnehin gilt.
Steht das Gemeinwohl im Grundgesetz?
Sinngemäß ja, aber nicht als Pflicht für einzelne Unternehmen. Art. 14 Abs. 2 GG lautet: „Eigentum verpflichtet. Sein Gebrauch soll zugleich dem Wohle der Allgemeinheit dienen.“ Das ist nach ständiger Rechtsprechung ein Auftrag an den Gesetzgeber, Eigentum inhaltlich auszugestalten — die Grundlage dafür, dass Bindungen überhaupt zulässig sind. Die Bayerische Verfassung wird in Art. 151 Abs. 1 deutlicher, bindet damit aber Landesrecht und keine Unternehmensentscheidung.
Ist eine Gemeinwohl-Bilanz dasselbe wie ein Nachhaltigkeitsbericht?
Nein. Ein Nachhaltigkeitsbericht ist überwiegend Text, den das Unternehmen selbst verfasst und gliedert. Die Gemeinwohl-Bilanz fragt bei allen Unternehmen dieselben 20 Themen ab, vergibt Punkte und macht die Bewertung damit vergleichbar und angreifbar. Der Preis dafür: Eine einzige Zahl verdeckt Unterschiede, und die Prüfung erfolgt durch die Bewegung selbst — nicht durch eine staatlich beaufsichtigte Stelle.