Kultur · Immaterielles Kulturerbe
Immaterielles Kulturerbe: die 10 deutschen UNESCO-Einträge
Deutschland ist mit 10 Einträgen auf den internationalen Listen des immateriellen Kulturerbes der UNESCO vertreten: 3 allein eingebracht — Genossenschaftsidee, Orgelbau und Orgelmusik sowie die Praxis des Modernen Tanzes — und 7 gemeinsam mit anderen Staaten. Nicht zu verwechseln ist das mit dem bundesweiten Verzeichnis, das 168 Einträge führt (Stand 2025) und eine deutsche Anerkennung ist, keine internationale. Wer liest, Ostfriesische Teekultur oder Poetry Slam seien „UNESCO-Kulturerbe“, meint dieses Verzeichnis.
Traditionelle Bewässerung — aufgenommen 2023, mit Österreich, Belgien und 4 weiteren Staaten.
Zum Eintrag →Alle 10 deutschen Einträge
Der amtliche Titel steht in Klammern, wo er von der gebräuchlichen Bezeichnung abweicht — die Anträge tragen oft sehr lange Namen.
Falknerei
2016Die Jagd mit abgerichteten Greifvögeln — eine über 3.000 Jahre alte Praxis, die Deutschland gemeinsam mit vielen weiteren Staaten eingebracht hat.
Es ist einer der Einträge mit den meisten beteiligten Staaten überhaupt — Falknerei wird auf vier Kontinenten praktiziert.
Repräsentative Listemit Vereinigte Arabische Emirate, Österreich und 15 weiteren Staaten
Genossenschaftsidee
2016Idee und Praxis der Organisation gemeinsamer Interessen in Genossenschaften
Der erste deutsche Eintrag überhaupt: die Idee, dass Menschen sich zusammentun, um gemeinsam zu wirtschaften — von der Raiffeisenkasse bis zur Wohnungsbaugenossenschaft.
In Deutschland sind rund 22 Millionen Menschen Mitglied einer Genossenschaft — mehr als in jeder Partei, Gewerkschaft oder Kirche.
Repräsentative Listevon Deutschland allein
Orgelbau und Orgelmusik
2017Handwerk und Musik zusammen: der Bau der Instrumente, ihre Stimmung, ihre Pflege und das Spiel darauf — als ein einziges Kulturgut betrachtet.
In Deutschland stehen rund 50.000 Orgeln — nach Schätzungen etwa ein Viertel aller Orgeln weltweit.
Repräsentative Listevon Deutschland allein
Blaudruck
2018Ein Reservedruckverfahren auf Stoff: Wo der Papp aufgedruckt ist, nimmt der Indigo keine Farbe an — das Muster bleibt weiß auf Blau.
In Deutschland arbeiten nur noch eine Handvoll Werkstätten in diesem Verfahren; einige nutzen Modelle, die über 200 Jahre alt sind.
Repräsentative Listemit Österreich, Tschechien und 2 weiteren Staaten
Bauhüttenwesen
2020Die Werkstätten an den großen Kathedralen, die seit dem Mittelalter Steinmetzwissen weitergeben — anerkannt als Beispiel guter Praxis, also als vorbildlicher Umgang mit Erbe.
Am Kölner Dom arbeitet die Dombauhütte ununterbrochen seit dem 13. Jahrhundert. Fertig wird sie nie: Was vorn restauriert ist, verwittert hinten wieder.
Register guter Praxisbeispielemit Österreich, Frankreich und 2 weiteren Staaten
Flößerei
2022Holz zu Flößen binden und über den Fluss transportieren — jahrhundertelang der wichtigste Weg, Bauholz aus den Bergen in die Städte zu bringen.
Auf dem Rhein fuhren Flöße von bis zu 300 Metern Länge mit eigenen Küchen und Schlafhütten — schwimmende Dörfer auf dem Weg nach Holland.
Repräsentative Listemit Österreich, Tschechien und 3 weiteren Staaten
Moderner Tanz
2022Praxis des Modernen Tanzes
Der Ausdruckstanz, der ab den 1920er-Jahren in Deutschland entstand und über Pina Bausch bis heute weiterwirkt — Tanz als eigene Sprache statt als Ballettform.
Die Nationalsozialisten vertrieben viele seiner Vertreterinnen; der moderne Tanz kam nach 1945 zum Teil aus dem Exil zurück.
Repräsentative Listevon Deutschland allein
Hebammenwesen
2023Wissen und Praxis rund um Schwangerschaft, Geburt und Wochenbett — eines der ältesten Berufsbilder überhaupt, weitergegeben von Hebamme zu Hebamme.
Der deutsche Antrag lief über acht Staaten von vier Kontinenten — Hebammenwissen ist überall lokal, aber nirgends nur lokal.
Repräsentative Listemit Kolumbien, Zypern und 5 weiteren Staaten
Manuelle Glasfertigung
2023Glas mit der Pfeife blasen, formen, schleifen und veredeln — ein Handwerk, das industriell ersetzbar wäre und trotzdem weitergegeben wird.
Im Bayerischen Wald und im Thüringer Wald hängen ganze Ortschaften historisch am Glas: Sand, Holz und Wasser waren dort im Überfluss vorhanden.
Repräsentative Listemit Finnland, Frankreich und 3 weiteren Staaten
Traditionelle Bewässerung
2023Wiesen über Gräben fluten, damit sie früher grünen und mehr Heu geben — eine Technik, die ohne Pumpen auskommt und die Landschaft bis heute prägt.
Die Wässerwiesen im Queichtal in der Pfalz werden nach einer Ordnung bewässert, die seit dem 16. Jahrhundert festlegt, wer wann Wasser bekommt.
Repräsentative Listemit Österreich, Belgien und 4 weiteren Staaten
⚠ Erfasst sind ausschließlich die internationalen Listen. Das bundesweite Verzeichnis mit 168 Einträgen (Stand 2025) ist eine deutsche Anerkennung und hier nicht enthalten.
Auf welchen Listen Deutschland steht
Die UNESCO führt drei Listen zum immateriellen Erbe. Deutschland ist auf zweien vertreten — die dritte, für dringend erhaltungsbedürftiges Erbe, trägt keinen deutschen Eintrag.
| Liste | Einträge | Wofür sie steht |
|---|---|---|
| Repräsentative Liste des immateriellen Kulturerbes der Menschheit | 9 | Zeigt die Vielfalt lebendiger Kulturformen weltweit — die bekannteste der UNESCO-Listen zum immateriellen Erbe. |
| Register guter Praxisbeispiele der Erhaltung | 1 | Zeichnet nicht die Kulturform selbst aus, sondern die Art, wie sie bewahrt und weitergegeben wird — als Vorbild für andere. |
⚠ Die dritte Liste — für Kulturformen, deren Fortbestand akut gefährdet ist — führt keinen deutschen Eintrag. Das ist keine Datenlücke, sondern der Stand.
Wann die Einträge dazukamen
Deutschland ist der Übereinkunft erst 2013 beigetreten — deshalb beginnt die Reihe spät. Der erste Eintrag folgte 2016, der größte Sprung kam 2023 mit drei Aufnahmen an einem Tag.
Kurzfassung: Von 2016 bis 2023 sind 10 deutsche Einträge dazugekommen; in mehreren Jahren dazwischen keiner.
20233 Einträge10
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| Jahr | neu | Bestand danach |
|---|---|---|
| 2016 | 2 Einträge | 2 |
| 2017 | 1 Einträge | 3 |
| 2018 | 1 Einträge | 4 |
| 2019 | 0 Einträge | 4 |
| 2020 | 1 Einträge | 5 |
| 2021 | 0 Einträge | 5 |
| 2022 | 2 Einträge | 7 |
| 2023 | 3 Einträge | 10 |
⚠ Der Ausschuss tagt jährlich im Dezember. Ein Jahr ohne Säule heißt: kein deutscher Antrag wurde entschieden — nicht, dass keiner gestellt war.
Zwei Listen, die ständig verwechselt werden
Die 10 deutschen Einträge auf den internationalen Listen der UNESCO zum immateriellen Kulturerbe, mit Jahr, Liste und den beteiligten Staaten. Geschützt wird hier kein Ort und kein Gegenstand, sondern eine gelebte Praxis — Handwerk, Musik, Wissen, Umgangsformen — und zwar dadurch, dass die Staaten sich verpflichten, ihre Weitergabe zu ermöglichen.
Entscheidend ist die Unterscheidung zwischen international und national. Auf den UNESCO-Listen stehen 10 deutsche Einträge; im bundesweiten Verzeichnis stehen 168 (Stand 2025). Beides heißt umgangssprachlich „immaterielles Kulturerbe“, aber nur das erste ist eine UNESCO-Anerkennung. Und 7 der 10 Einträge hat Deutschland nicht allein eingebracht — Falknerei etwa gemeinsam mit siebzehn weiteren Staaten; die Praxis „gehört“ dann keinem Land.
Das bundesweite Verzeichnis ist hier bewusst nicht erfasst: Eine Auswahl daraus wäre eine redaktionelle Entscheidung, die diese Site nicht belegen kann, und die vollständige Übernahme ist ohne Zugriff auf das Verzeichnis nicht möglich. Wer nach Ostfriesischer Teekultur, Poetry Slam oder Kneippen sucht, findet sie deshalb nur im Verzeichnis selbst. Zu den einzelnen Einträgen steht hier außerdem nichts über Orte, Termine oder Vereine — immaterielles Erbe hat keinen Ort, und wer es praktiziert, wechselt.
Kurz beantwortet
Wie viele Einträge hat Deutschland beim immateriellen Kulturerbe der UNESCO?
10 auf den internationalen Listen: 3 hat Deutschland allein eingebracht, 7 gemeinsam mit anderen Staaten. Der erste war die Falknerei (2016), zuletzt kamen 2023 drei Einträge auf einmal dazu.
Ist die Ostfriesische Teekultur UNESCO-Kulturerbe?
Sie steht im bundesweiten Verzeichnis des immateriellen Kulturerbes — das ist eine deutsche Anerkennung, die von der Kultusministerkonferenz und der Deutschen UNESCO-Kommission getragen wird. Auf den internationalen UNESCO-Listen steht sie nicht. Diese Unterscheidung fällt in Berichten fast immer weg; das Verzeichnis führt inzwischen 168 Einträge.
Was ist der Unterschied zum Weltkulturerbe?
Das Welterbe schützt Orte — Bauwerke, Städte, Landschaften. Das immaterielle Kulturerbe schützt Praktiken: Handwerk, Musik, Feste, Wissen. Beides sind eigene UNESCO-Übereinkommen mit eigenen Listen und eigenen Gremien. Ein Ort kann Welterbe sein und ein Handwerk darin immaterielles Erbe, ohne dass das eine mit dem anderen zu tun hätte.
Was ist das „Register guter Praxisbeispiele“?
Die dritte UNESCO-Liste neben der Repräsentativen Liste und der Liste des dringend erhaltungsbedürftigen Erbes. Ausgezeichnet wird dort nicht die Kulturform selbst, sondern die Art, wie sie bewahrt und weitergegeben wird — als Vorbild für andere. Deutschland ist dort mit einem Eintrag vertreten: das Bauhüttenwesen.
Bringt der Titel Geld oder Schutz?
Weder noch, jedenfalls nicht direkt. Die Übereinkunft verpflichtet die Staaten, ihr immaterielles Erbe zu erfassen und Bedingungen für seine Weitergabe zu schaffen. Ein Rechtsanspruch auf Förderung folgt daraus nicht; die Wirkung liegt in Sichtbarkeit und Anerkennung für die Menschen, die die Praxis am Leben halten.
