Rechner · Steuern
Kalte Progression: was von der Gehaltserhöhung real bleibt
Von einer Gehaltserhöhung geht nicht der Durchschnittssteuersatz ab, sondern der Grenzsteuersatz — und der ist deutlich höher. Bei 45.000 € zu versteuerndem Einkommen liegt er 34 %, der Durchschnittssatz dagegen nur 20 %. Steigen dann noch die Preise, bleibt von einer nominal ordentlichen Erhöhung real oft wenig — genau das meint „kalte Progression“.
Was von der Erhöhung ankommt
Zwei Abzüge nacheinander: erst der Tarif auf den zusätzlichen Betrag, dann die Teuerung auf das gesamte Netto.
Nach Werbungskosten, Vorsorgeaufwendungen und Freibeträgen — nicht das Bruttogehalt.
Startwert ist die amtliche Jahresteuerung 2.025 aus dem Verbraucherpreisindex.
Von 1.350,00 € Erhöhung bleiben nach Steuer 896,00 € — 34 % nimmt der Tarif. Nach 2,2 % Teuerung bleibt davon ein realer Zuwachs von 98,21 € im Jahr.
| Zu versteuerndes Einkommen bisher | 45.000,00 € |
|---|---|
| Steuer und Soli bisher | − 8.835,00 € |
| Netto bisher | 36.165,00 € |
| Einkommen nach 3,0 % Erhöhung | 46.350,00 € |
| Steuer und Soli neu | − 9.289,00 € |
| Netto neu | 37.061,00 € |
| Mehr netto im Jahr | 896,00 € |
| Grenzsteuersatz an dieser Stelle | 34,0 % |
| Neues Netto in Preisen von heute | 36.263,21 € |
| Realer Zuwachs im Jahr | 98,21 € |
⚠ Der Rechner arbeitet auf dem zu versteuernden Einkommen und mit dem Tarif eines einzigen Jahres. Sozialversicherungsbeiträge sind nicht enthalten — sie senken den realen Zuwachs unterhalb der Beitragsbemessungsgrenzen zusätzlich, oberhalb davon nicht mehr. Ebenfalls nicht abgebildet: die jährliche Anpassung der Tarifeckwerte, mit der der Gesetzgeber die kalte Progression teilweise ausgleicht. Wer zwei verschiedene Jahre vergleichen will, muss deshalb auch die geänderten Eckwerte berücksichtigen.
Dieselbe Erhöhung, verschiedene Einkommen
Der Grenzsteuersatz steigt mit dem Einkommen — von derselben prozentualen Erhöhung bleibt oben weniger übrig als unten. Bis zum Grundfreibetrag bleibt sie ungeschmälert.
| Zu versteuerndes Einkommen | Realer Zuwachs im Jahr |
|---|---|
| 15.000 € | 41,65 € mehr Kaufkraft im Jahr |
| 30.000 € | 76,10 € mehr Kaufkraft im Jahr |
| 60.000 € | 91,12 € mehr Kaufkraft im Jahr |
| 120.000 € | 270,21 € mehr Kaufkraft im Jahr |
Zwei Effekte, die gern verwechselt werden
Was von einer Gehaltserhöhung nach Einkommensteuer und Solidaritätszuschlag übrig bleibt und wie viel Kaufkraft das nach der Teuerung noch ist.
Die Zeile „Grenzsteuersatz“ erklärt die erste Kürzung: Von jedem zusätzlichen Euro geht dieser Satz ab, nicht der Durchschnittssatz — deshalb fühlt sich jede Erhöhung kleiner an, als sie auf dem Papier ist. Die letzte Zeile erklärt die zweite: Sie rechnet das neue Netto in Preise von heute zurück. Liegt die Erhöhung unter der Teuerung, ist der reale Verlust schon vor der Steuer angelegt; liegt sie darüber und es bleibt trotzdem nichts, war es der Tarif.
Streng genommen entsteht kalte Progression erst im Vergleich zweier Jahre mit unverändertem Tarif. Dieser Rechner zeigt die Grenzbelastung innerhalb eines Tarifs — die Größe, die man spürt — und stellt sie der Teuerung gegenüber. Der Gesetzgeber verschiebt die Tarifeckwerte inzwischen jährlich; wie weit der Ausgleich reicht, hängt am Verhältnis dieser Verschiebung zur tatsächlichen Preisentwicklung und steht hier nicht.
Kurz beantwortet
Was ist kalte Progression?
Der Effekt, dass ein reiner Inflationsausgleich beim Gehalt zu einer höheren Steuerbelastung führt, wenn die Tarifeckwerte nicht mitwandern. Man verdient nominal mehr, kann sich real aber weniger leisten als vorher — obwohl das Gehalt genau um die Teuerungsrate gestiegen ist.
Warum bleibt von der Gehaltserhöhung so wenig übrig?
Weil auf den zusätzlichen Betrag der Grenzsteuersatz anfällt und nicht der Durchschnittssatz. Wer 45.000 € zu versteuerndes Einkommen hat, zahlt darauf im Schnitt gut ein Fünftel Steuer — auf den nächsten Euro aber deutlich mehr. Dazu kommen Sozialabgaben, die dieser Rechner nicht enthält.
Was ist der Unterschied zwischen Grenz- und Durchschnittssteuersatz?
Der Durchschnittssteuersatz ist die gesamte Steuer geteilt durch das gesamte Einkommen. Der Grenzsteuersatz ist der Anteil, der von den nächsten hundert Euro abgeht. Für die Frage „was bringt mir die Erhöhung“ zählt allein der Grenzsteuersatz — für die Frage „wie hoch ist meine Steuerlast“ allein der Durchschnittssatz.
Tut der Staat etwas gegen die kalte Progression?
Ja, durch die jährliche Verschiebung der Tarifeckwerte und die Anhebung des Grundfreibetrags. Vollständig ist der Ausgleich nicht: Er orientiert sich an einer prognostizierten Preisentwicklung, und der Spitzensteuersatz-Eckwert wurde in der Vergangenheit mehrfach anders behandelt als die übrigen Zonen.